{"id":6700,"date":"2016-03-11T04:26:29","date_gmt":"2016-03-11T03:26:29","guid":{"rendered":"http:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/?p=6700"},"modified":"2016-05-20T02:03:59","modified_gmt":"2016-05-20T01:03:59","slug":"besteht-ein-zusammenhang-zwischen-den-aktuellen-einstellungsnormen-von-skibindungen-und-der-pravalenz-von-knieverletzungen-bei-weiblichen-skifahrern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/2016\/03\/11\/besteht-ein-zusammenhang-zwischen-den-aktuellen-einstellungsnormen-von-skibindungen-und-der-pravalenz-von-knieverletzungen-bei-weiblichen-skifahrern\/","title":{"rendered":"Besteht ein Zusammenhang zwischen den aktuellen Einstellungsnormen von Skibindungen und der Pr\u00e4valenz von Knieverletzungen bei weiblichen Skifahrern?"},"content":{"rendered":"<p><strong>By Gerhard Ruedl, and Martin Burtscher<\/strong><\/p>\n<p><em>See English version of this blog <a href=\"https:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/2015\/12\/16\/potential-association-between-the-current-recommendations-for-ski-binding-adjustment-and-the-high-prevalence-of-knee-injuries-in-female-skiers\/\">HERE<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Institut f\u00fcr Sportwissenschaft der Universit\u00e4t Innsbruck, \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p>Z\u00e4hlen Sie sich auch zu den \u00fcber 200 Millionen Skifahrern weltweit, die w\u00e4hrend der Wintermonate diese faszinierende Sportart auf Pisten oder im Tiefschnee aus\u00fcbt? Ist Ihnen bekannt, dass sich das Verletzungsrisiko beim Skifahren in den vergangenen 20 Jahren halbiert hat?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6701\" src=\"https:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/files\/2016\/03\/alpine-skiing.jpg\" alt=\"alpine skiing\" width=\"380\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/files\/2016\/03\/alpine-skiing.jpg 380w, https:\/\/stg-blogs.bmj.com\/bjsm\/files\/2016\/03\/alpine-skiing-300x150.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/>Durch die Einf\u00fchrung der sogenannten Sicherheitsbindung kam es zu einer deutlichen Reduktion von Br\u00fcchen des Schienbeins und des Sprunggelenks. Allerdings konnte das Risiko einer Knieverletzung bis dato auch durch die Sicherheitsbindungen nicht reduziert werden. Rund ein Drittel aller Skiverletzungen betreffen nach wie vor das Kniegelenk; dabei besteht allerdings ein deutlicher geschlechtsspezifischer Unterschied [1,2]. Frauen haben beim Skifahren ein doppelt so hohes Risiko einer Knieverletzung und ein sogar dreifach erh\u00f6htes Risiko einer Vorderen Kreuzband (VKB) Verletzung als M\u00e4nner. Erw\u00e4hnenswert ist hier besonders die Tatsache, dass Frauen mit einer VKB-Verletzung im Vergleich zu M\u00e4nnern um 20 Prozentpunkte (ca. 80 vs. 60%) h\u00e4ufiger angeben, dass sich die Bindung im Moment des Sturzes nicht ge\u00f6ffnet hat [1,3].<\/p>\n<p>Entsprechend der ISO 11088 Norm f\u00fcr die Bindungseinstellungswerte [4] muss ein Skifahrer zwischen\u00a0 Geschwindigkeit (langsam bis gem\u00e4\u00dfigt vs. schnell), Gel\u00e4nde (leicht bis gem\u00e4\u00dfigt vs. steil) und Stil (vorsichtig bzw. sanft vs. aggressiv) unterscheiden, um dann einem von drei Skifahrtypen zugeordnet zu werden. Dabei werden allerdings keine geschlechtsspezifischen Unterschiede ber\u00fccksichtigt.[4]<\/p>\n<p>Angenommen ein Mann und eine Frau gleichen Alters, gleicher Gr\u00f6\u00dfe und gleichen Gewichts sowie mit gleicher Sohlenl\u00e4nge des Skischuhs, w\u00fcrden sich als Typ 3 Skifahrer (schnelle Geschwindigkeit, steiles Gel\u00e4nde und aggressiver Stil) einsch\u00e4tzen. F\u00fcr beide w\u00fcrde dieselbe Bindungseinstellung, ohne Ber\u00fccksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede, vorgenommen werden. Allerdings gibt es zumindest zwei potenzielle Fehlerquellen, welche die deutlich h\u00f6here Zahl an Nichtausl\u00f6sungen der Skibindungen bei weiblichen Skifahrern erkl\u00e4ren k\u00f6nnten:<\/p>\n<p><strong>Zwei potenzielle Fehlerquellen,<\/strong><\/p>\n<p>Erstens, in einer Studie von Brunner et al. [5] wurde gezeigt, dass m\u00e4nnliche, ge\u00fcbtere sowie risikofreudige Skifahrer bei vergleichbarer Geschwindigkeitseinsch\u00e4tzung (schnell, mittel oder langsam), tats\u00e4chlich um bis zu 10 km\/h schneller Ski fahren als weibliche, weniger ge\u00fcbte sowie vorsichtige Skifahrer. Daher kann angenommen werden, dass im Vergleich zu einem \u201elangsam bis gem\u00e4\u00dfigt\u201c oder \u201eschnell\u201c fahrenden m\u00e4nnlichen Skifahrer die Bindungseinstellung f\u00fcr einen \u201elangsam bis gem\u00e4\u00dfigt\u201c oder \u201eschnell\u201c fahrenden weiblichen Skifahrer zu hoch ist. Dies w\u00e4re ein Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die erh\u00f6hte Anzahl an Nichtausl\u00f6sungen der Skibindungen bei Frauen, da es weder geschlechtsspezifische Unterschiede im Zeitpunkt der letzten professionellen Bindungseinstellung [6], noch im Ausma\u00df an korrekt eingestellten Bindungen [7], noch beim selbstberichteten Sturzmechanismus bei einer VKB-Verletzung [1,6] zu geben scheint.<\/p>\n<p>Zweitens, eine Studie von Werner und Willis [8] konnte zeigen, dass die Muskelkraft der Beine in hohem Ma\u00dfe mit der F\u00e4higkeit, die Skibindung beim sogenannten Selbstausl\u00f6setest zu l\u00f6sen, korreliert. Mit Hinblick auf das vorher erw\u00e4hnte Beispiel der Bindungseinstellung eines Mannes und einer Frau mit demselben K\u00f6rpergewicht sollte daher ber\u00fccksichtigt werden, dass das Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rpergewicht zur Kraft durch den prozentual h\u00f6heren Fettanteil der Frau negativ beeinflusst wird.[9] Die dadurch bedingte geringere weibliche Kraftf\u00e4higkeit k\u00f6nnte ebenfalls die beobachteten Geschlechtsunterschiede\u00a0 in der H\u00e4ufigkeit von Nichtausl\u00f6sungen der Skibindungen miterkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Obwohl die ISO 11088 Norm [4] bis dato keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den\u00a0 Bindungseinstellungswerten ber\u00fccksichtigt, k\u00f6nnen gem\u00e4\u00df Punkt B. 4 der ISO 11088 Norm die Bindungseinstellungswerte auf Verlangen des Skifahrers um 15% reduziert werden. Die Kenntnis dieser M\u00f6glichkeit ist vor allem f\u00fcr weibliche Skifahrer wichtig. In folgenden F\u00e4llen darf die Standardeinstellung nach Ber\u00fccksichtigung des Typs und des Alters des Skifahrers reduziert (Einstellung 15% unter der Herstellerempfehlung oder in Tabelle B. 1 eine Zeile nach oben) werden [4]:<\/p>\n<ol>\n<li>a) Skifahrer, die bez\u00fcglich der Empfehlung des Herstellers zufriedenstellende Erfahrungen mit niedrigen Einstellungen gemacht haben;<\/li>\n<li>b) Skifahrer, die Skifahrerfahrung ohne Fr\u00fchausl\u00f6sungen besitzen;<\/li>\n<li>c) Skifahrer, die bestimmte Eigenschaften aufweisen, wie z.B. neutrale Skilauftechnik, defensives Verhalten, hohes Ma\u00df an Verantwortungsbewusstsein u. dgl..<\/li>\n<\/ol>\n<p>Betrachtet man die in Punkt B. 4 c) angef\u00fchrten Begriffe \u201eneutrale Skilauftechnik\u201c und \u201edefensives Verhalten\u201c, so scheinen diese sehr subjektiv zu sein und variieren m\u00f6glichwese\u00a0 stark zwischen den Geschlechtern. Werden die Begriffe \u201eneutrale Skilauftechnik\u201c und \u201edefensives Verhalten\u201c ann\u00e4hernd synonym mit einem vorsichtigen Skilaufstil bzw. vorsichtigen Verhalten auf der Skipiste \u00a0(im Gegensatz zu einem aggressiven Skilaufstil bzw. risikofreudigen Verhalten) verwendet, so erscheint unser Ergebnis einer fr\u00fcheren Studie [10] an Bedeutung zu gewinnen, dass n\u00e4mlich ein selbst eingesch\u00e4tztes risikofreudiges Verhalten auf der Skipiste unabh\u00e4ngig mit dem m\u00e4nnlichen Geschlecht (OR: 1,9) sowie einer h\u00f6heren Durchschnittsgeschwindigkeit (53 vs. 45 km\/h) assoziiert ist. Anders ausgedr\u00fcckt, ein vorsichtiges Verhalten auf der Skipiste ist mit dem weiblichen Geschlecht und einer geringeren Durchschnittsgeschwindigkeit verbunden.<\/p>\n<p>In einer weiteren Studie [11] konnten wir anhand von Geschwindigkeitsmessungen (mit einer Radarpistole) von \u00fcber 2100 Skifahrer und Snowboarder zeigen, dass Frauen durchschnittlich mit einer signifikant geringeren Geschwindigkeit auf der Skipiste unterwegs waren als M\u00e4nner (40 vs. 47 km\/h). Eine Subgruppe von rund 550 Skifahrern und Snowboardern wurde zudem befragt und in eine schnellere (59 km\/h Durchschnittsgeschwindigkeit) und eine langsamere (36 km\/h Durchschnittsgeschwindigkeit) Gruppe unterteilt.[11] Es zeigte sich, dass die langsamere Gruppe unabh\u00e4ngig assoziiert war mit weiblichem Geschlecht, einem h\u00f6herem Alter, einem geringeren K\u00f6nnen, Snowboarden (vs. Skifahren) sowie einem selbsteingesch\u00e4tzten vorsichtigen Verhalten auf der Skipiste.[11] In einer dritten Studie untersuchten wir, ob ein selbsteingesch\u00e4tztes risikofreudiges Verhalten auf der Skipiste mit dem Pers\u00f6nlichkeitsmerkmal \u201eSensation Seeking\u201c zusammenh\u00e4ngt [12]. Wiederum zeigte sich, dass das selbsteingesch\u00e4tzte vorsichtige Verhalten auf der Skipiste unabh\u00e4ngig mit dem weiblichen Geschlecht, mit einem h\u00f6heren Alter, mit einem geringeren K\u00f6nnen sowie mit einem durchschnittlich niedrigeren Sensation Seeking Score verbunden war. [12]<\/p>\n<p>Zusammenfassend weisen unsere Ergebnisse auf einen starken Zusammenhang zwischen dem weiblichen Geschlecht und einem eher vorsichtigen Verhalten sowie einer im Durchschnitt geringeren Geschwindigkeit auf der Skipiste hin. Wir schlie\u00dfen daher, dass die Begriffe \u201eneutrale Skilauftechnik\u201c und \u201edefensives Verhalten\u201c im Besonderen das weibliche Geschlecht betreffen. \u00a0Mit Bezug auf den deutlich h\u00f6heren Prozentsatz an Nichtausl\u00f6sungen der Skibindung bei Frauen mit einer Knieverletzung w\u00e4re unserer Meinung nach eine um 15% reduzierte Bindungseinstellung f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der weiblichen Skifahrer geeignet.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Ruedl G, Helle K, Tecklenburg K, et al. Factors associated with self-reported failure of binding release among ACL injured male and female recreational skiers: A catalyst to change ISO binding standards? Br J Sports Medicine 2016; 50: 37-40<\/li>\n<li>Burtscher M, Ruedl G. Favourable Changes of the Risk-Benefit Ratio in Alpine Skiing. Int. J. Environ. Res. Public Health 2015; 12 (86): 6092-6097. doi: 10.3390\/ijerph12060000x<\/li>\n<li>Greenwald RM, Toelcke T. Gender differences in alpine skiing injuries: a profile of the knee-injured skier. In: Johnson RJ, Mote CD, Ekeland E, eds. Skiing Trauma and Safety, 11<sup>th<\/sup> J. ASTM Intl. 1997, Balitmore:111-21.<\/li>\n<li>International Organization for Standardization. Assembly, adjustment and inspection of an alpine ski\/binding\/boot (S-B-B) system ISO 11088, Geneva, Switzerland, 2013<\/li>\n<li>Brunner F, Ruedl G, Kopp M, et al. Factors associated with the perception of speeds among recreational skiers. PloS One. 2015 Jun 29; 10(6):e0132002. doi: 10.1371\/journal.pone.0132002. eCollection 2015.<\/li>\n<li>Ruedl G, Webhofer M, Linortner I, et al. ACL injury mechanisms and related factors in male and female carving skiers: a retrospective study. Int J Sports Med<em>.<\/em> 2011;32: 801-6.<\/li>\n<li>Ruedl G, Pocecco E, Sommersacher R, et al. Differences between actual and recommended binding z-values. In: M\u00fcller E, Lindinger S, St\u00f6ggl T, Pfusterschmied S, eds. 5th ICSS-Congress, 14.-19. Dec. 2010, St. Christoph, Austria. Book of abstracts: 141.<\/li>\n<li>Werner S, Willis K. Self-release of ski-binding. Int J Sports Med. 2002;23:530-35.<\/li>\n<li>Sinning WE. Body composition and athletic performance. In: Clarke DH, Eckert HM, eds. Limits of human performance. The academy papers. Champaign, 1985: 45-56.<\/li>\n<li>Ruedl G, Pocecco E, Sommersacher R, et al. Factors associated with self reported risk taking behaviour on ski slopes. British Journal of Sports Medicine 2010, 44 (3): 204-206. 11. Ruedl G, Sommersacher R, Woldrich T, et al. [Mean speed of winter sport participants depending on various factors]. Sportverletz Sportschaden<em>.<\/em> 2010;24:150-53.<\/li>\n<li>Ruedl G, Abart M, Ledochowski L, et al. Self-reported risk taking and risk compensation in skiers and snowboarders are associated with sensation seeking. Accid Anal Prev. 2012;48:292-96.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<!--TrendMD v2.4.8--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>By Gerhard Ruedl, and Martin Burtscher See English version of this blog HERE Institut f\u00fcr Sportwissenschaft der Universit\u00e4t Innsbruck, \u00d6sterreich Z\u00e4hlen Sie sich auch zu den \u00fcber 200 Millionen Skifahrern weltweit, die w\u00e4hrend der Wintermonate diese faszinierende Sportart auf Pisten oder im Tiefschnee aus\u00fcbt? 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